Schubladendenken

Wie schnell wir Menschen falsch beurteilen

Ganz egal, wie offen wir uns fühlen und wie unvoreingenommen wir sein wollen, tief in unserem Innersten sind wir es nicht. Wir entscheiden innerhalb von nur wenigen Sekunden darüber, ob wir einem anderen Menschen unsere Sympathie schenken oder ihm lieber aus dem Weg gehen. Doch, nicht selten werden wir von unseren eigenen Empfindungen getäuscht und am Ende ist unser Urteil ein falsches. Warum das so ist und wie wir uns hier besser verhalten können, das verrate ich dir in diesem Artikel.

Schubladendenken Kinder

Begeben wir uns auf einen Spielplatz. Das Wetter ist schön und an den verschiedenen Geräten ist richtig viel los. Wir hören und sehen dutzende Kinder, die toben, rennen und turnen. Ein Junge allerdings sitzt ganz alleine am Rand einer Sandkiste. Er ist mit einem kleiner Eimer beschäftigt und nimmt nur wenig Notiz von dem, was um ihn herum passiert. Immer wieder kommen andere Kinder bei ihm vorbei, sprechen ihn an, doch er reagiert nicht. Er füllt einfach weiter seinen Eimer, leert diesen anschließend aus und beginnt von Neuem. Nun kommt wieder ein Junge zu ihm, doch auch dieses Mal zeigt er keinerlei Regung. Eine Mutter mischt sich ein und ruft aus der Ferne: „Lass ihn, der ist irgendwie komisch“. Doch dann passiert etwas Seltsames. Plötzlich setzt sich ein Mädchen zu ihm und macht bei seinem Spiel einfach mit. Es hilft ihm und das scheint dem Jungen ganz offenkundig zu gefallen. „Hast du auch einen Eimer“ fragt er und auf einmal spielen die beiden.

Anderer Ort, andere Situation.

Wir sind in einem Kiosk. Hier schaut sich gerade ein junges Mädchen um und betrachtet dabei die verschiedenen Süßigkeiten. „Na, was möchtest du denn?“ fragt der Mann hinter dem Tresen. Doch das Kind ignoriert ihn. Es geht stattdessen zu den Zeitschriften und holt ein Heft von Disney hervor. Es blättert kurz darin und wird dann erneut angesprochen. „Aber nicht alles schon hier lesen“ sagt der

Freundschaft finden Kontakt knüpfen Leute kennen lernen

Mann jetzt. Doch. wieder bekommt er keine Antwort. Das Kind schaut noch kurz auf das Heft, dann stellt es dieses wieder zurück. Als Nächstes interessiert es sich für die Eiskarte und noch während es diese betrachtet, kommt ein weiteres Mädchen zur Tür herein. Es spricht den Verkäufer fröhlich und direkt an, „eine gemischte Tüte bitte“. „Gerne“ antwortet dieser und ergänzt dabei etwas genervt: „Dachte schon, heute redet niemand mit mir“. Dabei zeigt er mit seinem Finger auf die junge Dame am Gefrierschrank. „Oh“ sagt das Mädchen „Karin ist ja auch hier. Gar nicht gesehen. Die wird schon gleich bezahlen, wenn sie gefunden hat was sie sucht. Sprechen wird sie allerdings nichts, das kann sie nämlich nicht. Karin ist taubstumm.“ Der Mann schaut verlegen zu Boden.

 

 

Dinge sind oft anders als sie scheinen

Zwei Beispiele die uns zeigen, wie schnell wir im Alltag andere Menschen verurteilen und zu Schubladendenken neigen. Der Junge auf dem Spielplatz ist nicht „komisch“, wie etwa von einer besorgten Mutter vermutet, sondern er leidet an Autismus. Das heißt, er hat keinerlei Interesse daran, unnötig zu kommunizieren, schon gar nicht, wenn er keine Wichtigkeit dafür sieht. Ihm geht es darum, seinen Eimer zu füllen. Deswegen nimmt er die Hilfe des fremden Mädchen auch gerne an.

Ähnlich verzwickt ist die Situation im Kiosk. Der Verkäufer dort kann machen was er will, das Kind wird ihn nicht hören, denn das kann es nicht. Doch der Mann denkt sofort an etwas Negatives und ist fast schon beleidigt, als er und seine Fragen ignoriert werden. Erst als das andere Mädchen die Situation aufklärt, erkennt er, das sein Verhalten falsch war.

Nicht immer sind die Dinge so, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Wie aber, kann man sie besser machen und warum verhalten wir uns derart unsensibel?

 

Falsche Erwartungen und Zeitdruck

In beiden Fällen spielen falsche Erwartungen eine entscheidende Rolle. Das Muster unserer eigenen Kommunikation gibt uns vor, dass wir auf eine Ansprache von außen zu reagieren haben. Passiert das nicht, so empfinden wir dieses als unhöflich, was uns wiederum nervös und ärgerlich macht. Statt die Situation so wie sie ist zu akzeptieren und die Dinge die passieren, erst einmal auf uns wirken zu lassen, steigen wir aus.

Die Kinder auf dem Spielplatz wollen weiter ihren Spaß haben. Sie haben keine Zeit, zu hinterfragen, warum der Junge in der Sandkiste nicht mit ihnen spricht. Vielleicht sind sie auch etwas sauer, weil sie ignoriert werden. Der Mann im Kiosk ist es ganz sicher. Er will nett sein aber auch verkaufen. Dabei scheitert er auf ganzer Linie, denn er erfährt keinerlei Resonanz.

In beiden Fällen wäre es richtig gewesen, zu warten und die Situation erst einmal weiter zu beobachten. Irgendwann hätte sie sich so aufgelöst und zwar im positiven Sinne. Doch, verhalten sich Menschen anders als von uns erwartet, werden wir ganz automatisch misstrauisch und so gehen in unserem Kopf sehr schnell auch die Schubladen auf. Es übermannt uns eine Art „Unbehagen“, denn jetzt wollen wir erst recht wissen, weshalb uns da jemand kein einziges Wort gönnt.

Das Mädchen auf dem Spielplatz hat das einzig Richtige getan. Es hat den Jungen beobachtet und gesehen, dass man mit Sprechen bei ihm nicht weiterkommt. Also hat es auf unnötige Fragen verzichtet und sich einfach dessen Tun angeschlossen. Genau dieses Verhalten ist es, von dem wir lernen können.

Schubladendenken und Kommunikation

Scheitern wir mit unserem Versuch einer Kommunikation, so springt in unserem Inneren ein Warnsignal an. Wir erkennen, irgendwas stimmt hier nicht und automatisch bewerten wir unseren Gegenüber als seltsam, anders oder komisch. Wir empfinden ihn vielleicht sogar als doof. Doch, wie wir hier sehen, liegen wir damit nicht immer richtig. Sollten wir uns also irgendwann wirklich in so einem Szenario befinden, so macht es Sinn, nicht gleich unser erstes Urteil zu akzeptieren, sondern dieses noch einmal zu hinterfragen und Ruhe zu bewahren. Am Ende stellen wir dann nämlich vielleicht fest, dass wir eine spannende Begegnung in unserem Leben sonst beinahe verpasst hätten.

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